Diva

Kurzgeschichte von Birgit Puck

Warum kann ich den Abend nicht einfach genießen? Einfach ein Buch lesen, dazu ein Glas Rotwein, dezentes Klavierspiel im Hintergrund. Immer dieser Drang, nur noch dieses eine Konzert. Diesmal ist es wirklich zum letzten Mal.

Sie sitzt in ihrer Garderobe, fährt sich mit der Puderquaste kurz über die Wangen und betrachtet im Spiegel ihre Falten. Alt ist sie. Eigentlich schon viel zu alt für die Bühne, findet sie. Kameras dürfen sie nicht heranzoomen. Bloß keine Nahaufnahmen. Das hatte sie bereits vor Jahren vertraglich geregelt.

Gleich ist es soweit. Ich muss raus. Ich habe es so gewollt. Diese verdammte Sucht. Immer noch. Nach fünfzig Jahren Bühne. Sie hatte sich durchgesetzt, viel mehr als andere, hatte schon damals die seichten leisen Stimmchen hinter sich gelassen. Sie ist die Laute, die Dominante, die, die den Ton angibt bis zur letzten Note. „Die Kleine singt ein ganzes Orchester zusammen“, hatte mal ein Musikkritiker am Anfang ihrer Karriere geschrieben. Sie ist die Stimme und die Musiker sind der Rahmen.

Genau deshalb wollen die Leute eine Siebzigjährige sehen. Weil sie so eindringlich, manchmal auch aufdringlich ist. In allem, was sie vor Publikum tut, steckt die Leidenschaft, die mitreißt, die verführt. Trotz des Alters, mit Falten, mit rot gefärbten, langen Haaren, die zwar das Grau, aber nicht ihre Lebensjahre verdecken. Sie lächelt ihr Spiegelbild an. Sie ist immer noch gut. Sie weiß es. Sie ist sehr gut. Das Publikum weiß es. Die meisten sind mit ihr zusammen gealtert.

„Non, non, non!“, ruft sie, als es an ihrer Garderobe klopft. Sie will jetzt niemanden sehen, nicht in diesen Minuten. Nicht vor dem Auftritt. Der Anklopfende respektiert ihren Wunsch. Niemand kommt herein.

Auf dem Tisch stehen Blumen. Viele Sträuße. In einem steckt ein kitschiger rosafarbener Plüschteddy. Eine Hommage an die Diva, steht auf einem kleinen an den Teddy gehefteten Zettel. Sie hasst es, wenn jemand sie Diva nennt. Eine Diva spürt das Göttliche in sich und trägt es zur Welt hinaus. Sie aber spürt in diesen Minuten vor allem ihren schmerzenden Rücken. Dieser Schmerz bleibt, denkt sie, das wird nichts mehr. Sie versucht, sich von den Schmerzen abzulenken und konzentriert sich auf ihr erstes Lied, hört im Geiste das Entree des Orchesters. Sie schaut auf die Uhr. Nur noch zehn Minuten. Wäre Giacomo doch da. Er könnte sie beruhigen.

So ein Quatsch, Giacomo würde mich nervöser mache, als ich ohnehin schon bin. Er hält Spannung nicht aus. Ich auch nicht. Lieber Gott hilf mir, denkt sie. Da sitzen Zweitausend in der Halle und warten. Warten auf die große, alte Stimme.

Ihr Magen zieht sich zusammen. Ich kann da unmöglich raus. Das halte ich nicht aus. Die Schmerzen im Rücken und das Ziehen im Magen erscheinen ihr unerträglich. Ich kann unmöglich singen. Ich muss das Konzert absagen. Ihr Gesicht verzieht sich unter den Schmerzen. Ihr Lächeln wird zur Grimasse. Vielleicht sollte sie eine rauchen. Sie raucht seit zwanzig Jahren nicht mehr, aber eine Zigarette würde sicherlich von diesen entsetzlichen Schmerzen ablenken.

Sie hört Musik in ihrem Kopf und fängt an, leise und eindringlich dazu zu singen.

Du hast gesagt, dein Glück ist die Musik,
du hast gesagt, der Applaus ist dein Lied, 
du hast gesagt, du kannst Träume leben, 
du hast gesagt, du willst alles geben, 
nun gib, er ist da, der Moment, dein Lied,
nun gib, er ist da, der Moment, dein Sieg …

Sie schweigt. Wieder ein Klopfen an der Garderobe. „Signora?“, fragt die Stimme hinter der Tür. Sie steht auf und sagt mit energischer Stimme: „Uno momento, per favore.“

Sie schaut auf die goldene Uhr an ihrem Handgelenk. Ein Geschenk von Giacomo. Sie lächelt und verliert sich für ein paar Sekunden in der Erinnerung. Er hatte ihr die Uhr zum vierzigsten Geburtstag geschenkt. Es war zwei Tage vor ihrem Auftritt in der Scala. Das war so lange her, so endlos lange und doch so präsent, als wäre es gestern gewesen.

Noch drei Minuten. Ihre Hände zittern. Sie kramt in der Kosmetiktasche nach dem Lippenstift. Zieht die Lippen nach. Ein bisschen zu grell, ein wenig zu dick. Scheinwerfer schlucken Farbe, denkt sie, leider nicht die Falten und die Rückenschmerzen.

Warum tue ich mir das an? Sie greift zum Telefon und wählt Giacomos Nummer. Er meldet sich nicht. Immer wenn ich ihn brauche, ist er nicht da. Ich bin so fertig, so kaputt, so leer.

Es klopft ein drittes Mal. Sie stöhnt. „Subito!“, ruft sie. Ihre Finger durchstreifen die langen Haare. Sie erhebt sich vom Garderobenstuhl, greift nach der schwarzen Stola und schreitet in ihrem langen, silbern glänzendem Kleid zur Tür. Nur noch fünfzehn Meter bis zur Bühne. Die Streicher dringen an ihr Ohr, jetzt der Orchestermeister, sie hört, wie der Veranstalter ihren Namen verkündet, betritt die Bühne. Die Scheinwerfer blenden. Tobender Applaus. Sie lächelt, holt tief Luft und singt:

Du hast gesagt, dein Glück ist die Musik, 
du hast gesagt, der Applaus ist dein Lied…