Der kleine Weinhändler

Kurzgeschichte von Birgit Puck

Zum Abschluss noch ein Blick auf die Temperaturanzeige des Klimaschranks. Die Jalousien herunterlassen. Die Kellertür verschließen. Wie immer musste er kräftig gegen die weiß lackierte Eisentür drücken, damit das Schloss richtig einschnappte. Das übliche Ritual. Jahraus, jahrein. Fast vierzig Jahre. Das heutige Ladenschlussritual fiel gemächlich aus.

So, als würde er sich von jeder Weinflasche einzeln verabschieden. Wie viele mochten wohl durch seine Hände gegangen sein? Er las einige der Etiketten. Jedes hatte seine eigene Geschichte. Seine Augen ruhten auf einem Montepulciano. Es hatte lange gedauert, ihn zu finden. Über Jahre hatte er ein Weingut gesucht, das einen Wein nach seinem Geschmack erzeugte, bis ihm auf einer Reise der Zufall zu Hilfe kam. Damals begleitete ihn noch der Toschi, ein Mischlingshund, der gerne Befehle ignorierte. Auf einem Spaziergang in den Abuzzen war der Toschi einfach abgehauen und er hatte ihn mit seiner Frau fast den halben Tag gesucht. Schließlich fanden sie ihn, auf dem Weingut von Bruno. Dort feierten sie nicht nur das glückliche Wiedersehen mit ihrem Toschi, sondern auch den Beginn einer Freundschaft. Bruno war Weinbauer mit Leib und Seele und produzierte genau den Montepulciano, den er sich vorgestellte hatte. Mit Tiefe, Kraft und feinen Cassisnoten. Ein wenig ruppig, ein wenig bäuerlich, genau so, wie der Weinbauer Bruno gewesen war.

Unendlich groß war seine Trauer, als Bruno damals verstarb. Es mochten gut sechs Jahre her sein. Ohne Vorankündigung trat Bruno aus dem Leben. Ließ keine Zeit für den Abschied. Was blieb, waren die Erinnerungen. Erinnerungen an lauschige Abende bei Fisch und Wein, an endlose Diskussionen über die Kunst des Weinmachens und des Weingenießens. Und dann dieses fröhliche, tiefe und zugleich unbeschwerte Lachen des Winzers.

Die Leidenschaft, die Bruno seinem Wein auf den Weg gegeben hatte, ging bei dessen Tochter und Sohn verloren. Generationswechsel brachte nicht immer Fortschritt, fand er. Das hatte er auch zu Erika gesagt. Irgendwann endete die Verbindung zum Weingut. Ist manchmal so.

Nur ein paar Restflaschen waren von Bruno übrig geblieben. Und was würde von ihm, von seinem kleinen Weinhandel übrig bleiben? Niemand würde sein Geschäft fortführen, keine Tochter, kein Sohn. War vielleicht ganz gut, dass sie keine Kinder hatten. Erika hatte sich zwar immer welche gewünscht, zumindest eins. Er nicht. Ihm reichte die Verantwortung für das Leben zu zweit. Die Zeit ist noch nicht reif, hatte er gesagt. Für ihn wurde sie nie reif.

Sein Kind war sein Weinladen. Groß war die Freude, wenn das Frühjahr die Weinmessen bescherte und er mit seiner Erika auf Reisen ging. Jeden Kontakt zu einem Weingut hatte er selbst aufgebaut.

Ja, wenn die Erika es noch erleben könnte, diesen Tag, diesen letzten Tag. Was sie wohl sagen würde? Josef, würde sie sagen, du kannst doch gar nicht ohne deinen Wein! Was willst du denn nun mit der ganzen Freizeit anfangen?

Er überlegte einen Moment, schaute ein wenig ratlos, dann huschte ein wissendes Lächeln über sein Gesicht, dem man seine einundsiebzig Jahre kaum ansah. So wenig Falten. Jeder schätzte ihn viel jünger. Eins stand jedenfalls fest: Ab morgen wollte er ein öfter Fahrrad fahren, spazieren gehen und ab und zu schwimmen. Natürlich würde er weiterhin das eine oder andere Weinseminar besuchen. Aber nur als Weinfreund, nicht mehr als Händler. Keinen Gedanken würde er daran verschwenden, ob sich ein Wein bei seiner Kundschaft verkaufen ließe. Seine Kundschaft. Gab’s die überhaupt? Manche waren ihm über Jahre treu geblieben, andere Eintagsfliegen. Der eine oder andere fehlte ihm jetzt schon. Das endlose Geplapper des Apothekers gehörten ebenso dazu wie der Maurermeister, der ohne den leisesten Anflug von Experimentierfreude Tag für Tag den gleichen Wein trank. Nicht zu vergessen die Dame von gegenüber, mit ihrem Dalmatiner. Sie fuhr stets das neueste Sportwagenmodell, doch konnte sie kaum einen Riesling von einem Spätburgunder unterscheiden. Liebevoll strich er über eine liegende Flaschenreihe im Regal.

Jedes Mal hatte er sich schweren Herzens von einer dieser Flaschen getrennt. Besonders schwer fiel ihm der Verkauf, wenn er genau wusste, dass der Käufer niemals die Finesse und Eleganz dieser edlen Weine bemerken würde.

Denk doch ans Geld, hatte die Erika immer gesagt. Er versuchte es. Es gelang ihm nicht. Seinem Gefühl war der Umsatz egal. Die Kosten manchmal auch. Diese vielen Süßweine, hatte Erika immer geschimpft, dafür gibst du ein Heidengeld aus und verkaufst davon vielleicht ein oder zwei Flaschen pro Monat. Manchmal war er richtig wütend geworden, wenn sie sich in seine Geschäfte derart einmischte. Vermutlich deswegen, weil sie immer einen wunden Punkt traf. Ob Recioto, Strohwein oder Eiswein, Süßweine waren für ihn das Größte, was ein Winzer in Flaschen zu füllen vermochte. Er konnte schließlich nichts dafür, wenn er für seine edelsüßen Weine keine Liebhaber fand. Mit den Jahren waren es immer mehr geworden. In seine Liebhaberei hatte er viel Kapital gesteckt. Eins war sicher: Für den Lebensabend muss er Haus halten. Große Sprünge wird er nicht machen können. Die kleine Rente von der Erika und seine Rücklagen würden keinen Luxus erlauben.

Bis heute verstand er nicht, warum Erika ihre Erkrankung zuerst vor ihm runtergespielt hatte. Routineoperation, hatte sie gesagt, nur ein kleiner Schnitt. Dem kleinen Schnitt folgten weitere. Erst die eine Brust, dann die andere. Krankenhaus, Chemo, Krankenhaus, Chemo. Zwei Jahre hat sie gekämpft. Mal ging’s besser, mal schlechter.

Schatz, sagte sie in einer Zeit, als sie sich besser fühlte, ich möchte noch mal ans Meer. Ihm wurde ein schwindelig, als er sich an ihre Worte erinnerte. Er hielt sich am Weinregal fest und tastete sich zum Stuhl vor, um sich zu setzen. Er hielt die Hände vors Gesicht. Spürte, wie sie von Tränen benetzt wurden. Die Erinnerung schmerzte. Eine Woche Sylt. Nur vom Feinsten. Seinen Kreditrahmen hatte er dafür ausgeschöpft. Schön sollte es für sie werden. Es war schön. Unbeschreiblich schön. Die Frühlingssonne vertrieb alle dunklen Gedanken. Der Krebs war in der Ferne auf dem Festland geblieben.

In dreißig Ehejahren war diese eine Woche die innigste Zeit, die sie je erlebt hatten. Ihre letzte gemeinsame Reise. Vier Monate später verstarb Erika. Seine Erika. Lautlos verließ ihre Seele ihren geschwächten Körper. Sie starb zu Hause. Sie wollte es so. Zwei Tage und Nächte saß er an ihrem Bett, hielt ihre Hand, schlief für ein paar Minuten, um gleich darauf wieder ihre kleine Hand fest zu drücken.

Vier Jahre lag das nun zurück. Gleich am Tag nach der Beerdigung stand er wieder im Geschäft. Bloß nicht zu Hause sein, wo alles ihre Handschrift trug. Die erste Zeit deckte er den Tisch für zwei. Hörte ihre Stimme. Sprach Monologe in der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen. Der Raum blieb stumm. Keine Stimme außer seiner eigenen. Der Alltag verdrängte das permanente Erinnern. Neue Weine mussten probiert und beurteilt werden. Restaurants brauchten Nachschub. Kunden wollten beliefert werden. Nur auf Weinreise ging er nicht mehr. Mit Erikas Tod nahm er Stück für Stück Abschied. Abschied von Reisen ins Ausland, Abschied von Süßweinen. Seitdem hatte er keinen einzigen Süßwein mehr hinzugekauft.

Wenn er heute die Ladentür schloss, war es endgültig das letzte Mal. Er seufzte. Wie gern hätte er jetzt ihr unbeschwertes Lachen gehört. Ein Leben mit einer anderen an seiner Seite hatte er sich nie vorstellen können. Nur einmal, da gab es die Karla. Das mochte etwa siebzehn Jahre her sein. Karla betrat an einem warmen Frühlingstag sein Weingeschäft. Suchte nach etwas Passendem zum Spargelrisotto. Er fühlte sich wie elektrisiert, konnte kaum seine Weine beschreiben. Mit nervöser Hand tippte er den Verkaufspreis für einen Grünen Veltliner aus der Wachau. Ihr erster Besuch dauerte nur wenige Minuten. Zwei Tage später war sie wieder da, erzählte begeistert von seiner Weinempfehlung. Von da an kaufte sie ihren Wein regelmäßig kurz vor Ladenschluss. Dann kam dieser Sommerabend, an dem ihn Karla zu einem Glas Wein auf ihre Terrasse einlud. Erika war für ein paar Tage zu ihrer Mutter gefahren. Als er die Einladung annahm, war ihm sofort klar, dass es besser gewesen wäre, es nicht zu tun. Der Abend dauerte die ganze Nacht. Sichtlich beschämt erwachte er am nächsten Morgen in einer fremden Umgebung. Verließ die Wohnung, während Karla noch schlief. Karla kam nie wieder und er war ihr dafür sehr dankbar.

Die Erika lachte über seine Nacht, die er ihr ein paar Wochen später beichtete. Verwirrt, verständnislos sah er sie an. Konnte der Angelegenheit nichts Komisches abgewinnen. Erika saß am Küchentisch und lachte. Lachte, minutenlang, bis sie wieder sprechen konnte. Gut, mein Lieber, sagte sie, da sind wir nun quitt. Er brauchte ein bisschen, um zu verstehen. Seine Erika. Seine geliebte Erika hat bei Ihrer 20jährigen Abiturfeier ihrem alten Lehrer nicht widerstehen können. Obwohl es ewig zurücklag und er das Gleiche getan hatte, versetzte ihm ihre Beichte einen Stich. Es dauerte lange, bis er dieses Gefühl des leisen Schmerzes wieder loswurde. So ist das Leben, dachte er. Wie würde sein Alltag wohl ohne Laden weitergehen?

Blieb nicht mehr viel von seinem Leben übrig. Er knöpfte seine Jacke zu und trat nach draußen. Betont langsam schloss er die Ladentür hinter sich ab. Das letzte Mal. Endgültig.

Dann dieser Menschenauflauf. Er verstand nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Wortfetzen. Eine Sirene. Jemand riss sein Hemd auf. Orangefarbene Sanitäterjacken. Stille. Um ihn herum nichts als Stille. Erika, warte.

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