Kurzgeschichte für kleine und große Leute

Kurzgeschichte: Brief von Max an den kleinen Prinzen

Lieber kleiner Prinz,

genauso wie du möchte ich lernen, die Welt zu verstehen. Jeden Abend, wenn ich im Bett liege, habe ich eine Frage. Und wenn ich morgens aufwache, ist sie immer noch da: die Frage.

Über Nacht habe ich keine Antwort auf meine Frage gefunden. Da ich jeden Abend eine neue Frage und am Morgen keine Antwort darauf habe, sind es schon ganz schön viele Fragen geworden. Und jeden Tag kommt eine neue, unbeantwortete Frage hinzu. Wenn ich eine Kette aus meinen Fragen bildete, reichte diese wahrscheinlich mindestens einmal um die ganze Erde, vielleicht auch zweimal. Inzwischen sind es nämlich Tausende, wenn nicht sogar Hunderttausende Fragen, die ich habe. Das ist verdammt viel. So viel, wie ich mir schon gar nicht mehr vorstellen kann. Aber es hört nicht auf, das Fragen nach dem Wie, Wo und Warum.

Damit du weißt, wovon ich rede, will ich dir so eine Frage schreiben, die ich mir so stelle.

Moment, warte!

Ich überlege einen kleinen Augenblick.

Ja, jetzt weiß ich eine. Hier ist eine Frage, die ich mir eines Abends gestellt habe. Dafür musst du Folgendes wissen: Jeden Morgen fahre ich mit dem Schulbus zur Schule, ganze sechs Stationen. Das dauert nicht kleiner Prinz Kurzgeschichte mit Foto, Bus aus Londonlange, vielleicht gerade 17 Minuten. Manchmal dauert es aber auch 20 Minuten, weil noch ein Kinderwagen mitwill oder jemand beim Fahrer erst lange nach Kleingeld suchen muss, bevor er seine Fahrkarte kaufen kann. An der vierten Station, also in etwa nach zwölf oder fünfzehn Minuten Fahrzeit, sehe ich an der Bushaltestelle immer eine alte Frau sitzen. Morgens gegen halb acht sitzt sie dort. Immer. Egal ob wir Sommer oder Winter haben.

Und ich beobachte sie, wie sie etwas in ihren Tüten sucht. Dabei schaut sie ganz unglücklich aus, weil sie wohl nicht das findet, was sie sucht. Die alte Frau ist immer allein. Wahrscheinlich hat sie niemanden, der mit ihr gemeinsam in den Tüten suchen möchte.

Gemeinsam etwas zu suchen ist viel einfacher. Zusammen findet man alles viel schneller. Wenn ich  etwas nicht wiederfinde, frage ich meinen Bruder Karl, ob er mir beim Suchen helfen will. Karl will natürlich stets helfen. Der ist vier und helfen ist für ihn Ehrensache. Wenn wir zusammen eine Zeitlang etwas gesucht haben, freut sich Karl, wenn er es als Erster findet und ich freue mich, dass Karl es für mich gefunden hat.

Nur die alte Frau hatte wohl niemanden, mit dem sie in ihren Tüten suchen konnte. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich einfach aussteigen und ihr beim Suchen helfen sollte. Aber dann wäre ich zur spät zur Schule gekommen und meine Lehrerin hätte mich gefragt: „Lucas, warum kommst du zu spät?“
Ich hätte geantwortet: „Ich musste der alten Frau beim Suchen in den Tüten helfen, weil ihr ja sonst keiner hilft.“

Aber dann hätte meine Lehrerin sicherlich gesagt, dass die Schule für jedes Kind sehr wichtig im Leben sei und man deshalb nicht zu spät kommen dürfe, weil man sonst nicht genug fürs Leben lernen könne. Wenn man zu spät kommt, verpasst man sehr viel. Darum bin ich nicht ausgestiegen. Ich habe der alten Frau nicht geholfen, weil ich ja fürs Leben lernen musste. Fürs Leben lernen ist wichtiger, als in den Tüten einer alten Frau nach irgendetwas zu suchen, wobei niemand so genau weiß, wonach eigentlich gesucht wird.

Und letzte Woche am Donnerstag war sie nicht mehr da. Die alte Frau. Niemand saß an der vierten Station und suchte in Tüten. Keine Frau, keine alte Frau, einfach niemand. Die Bushaltestelle sah einsam und verlassen aus. Keiner wollte einsteigen und keiner wollte dort aussteigen. Kein einziger Mensch war da und auch nicht die alte Frau, die sonst immer in ihren Tüten suchte, egal ob Sommer oder Winter.

Da habe ich mich am Abend gefragt: Warum ist die alte Frau nicht dagewesen? Wo war sie und warum hat sie nicht wie immer in ihren Tüten gesucht? Hat sie vielleicht gefunden, was sie suchte?

Siehst du, kleiner Prinz, das sind vier Fragen auf einmal. Auf keine Frage habe ich eine Antwort gefunden.

Doch das nächste Mal, wenn eine alte Frau an der Bushaltestelle in ihren Tüten etwas sucht, werde ich aussteigen und ihr beim Suchen helfen. Was meinst du?

Kurzgeschichte & Fotos: Birgit Puck